Schnepfenstrich

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Schnepfenstrich Public domain via Wikimedia Commons

Eine Erinnerung von Dr. Hermann-Josef Courth

Schnepfenstrich

In meinem langen Jägerleben, seit dem Jahre 1953 durfte ich in der Gemarkung Vettweiß das Waidwerk ausüben, ist mir der Schnepfenstrich in bester Erinnerung.
In früheren Jahren freuten sich die Jäger auf den im März-April beginnenden Balzflug der Waldschnepfe (Scolopax rusticola), in der Jägersprache Schnepfenstrich genannt.
In der Gemarkung Vettweiß gab es mehrere Feuchtgebiete wie die Schafsmaar und die Sausmaar. Sie waren ideale Standorte für zahlreiche Schnepfenvögel.
Für jeden Flugwildjäger war die Schnepfenjagd ein großes und unvergessliches Ereignis.
Mein jagdlicher Lehrherr und Patenonkel Albert Merckelbach, geboren am 04.01.1892 im holländischen Mechelen und Bauer in Froitzheim, war ein leidenschaftlicher Schnepfenjäger. In der Abenddämmerung stellte er sich auf den Frangenheimer Weg, die Froitzheimer Chaussee oder auf den Dänncheswäch und hatte in der Regel auch Jagderfolg. Seine Frau, meine Tante Gertrud Merckelbach, geb. Courth, rupfte und briet ihm dann die nicht ausgenommenen Schnepfen. Der Schnepfendreck war für ihn angeblich eine große Delikatesse.
Zwischen den Sonntagen in der Fastenzeit und der Schnepfenjagd bestand immer eine enge Verbindung. Besondere Bedeutung hatte dabei der Introitus der Sonntagsmesse.

Invocabit me, et ego exaudiam eum.
Er ruft mich an und ich erhöre ihn.


Der erste Fastensonntag, nach dem Introitus der heiligen Messe „lnvocabit" genannt, gab den ersten Hinweis zur Schnepfenjagd:

„Invocabit bringt die Hunde mit"

Reminiscere miserationum tuarum.
Herr denk an Deine Güte.

Zum zweiten Fastensonntag, in der katholischen Liturgie als „Reminiscere" bezeichnet, hieß es: „Reminiscere, putzt die Gewehre".

Oculi mei semper ad Dominum.
Meine Augen schauen immer auf zum Herrn.

Am dritten Fastensonntag, heute noch "Oculi" genannt, sagten die Jäger:

"Oculi, da kommen sie"

Laetare Jerusalem
Freu dich Jerusalem.

Ab dem vierten Fastensonntag, „Laetare" begann dann endlich die hohe Zeit der Schnepfenjagd, die von den Jägern wie folgt begrüßt wurde:

„Laetare ist das Wahre"

Judica me deus
Schaff Recht mir Gott.

Am ersten Passionssonntag, .Judica" hieß es:

„Judica, sie sind noch da"

In Palmis
Palmsonntag

Am Palmsonntag galt der Jägerspruch:

„Palmarum, tralarum"

Quasi modo geniti infantes
Wie neugeborene Kindlein

Am Sonntag nach dem Osterfest, "quasi modo geniti", ruhte dann die Schnepfenjagd mit folgender Begründung:

„Quasi modo geniti, halt Jäger halt, jetzt brüten sie"

Die vorstehenden Verse waren für den versierten Jäger wegen der wechselnden Daten des Osterfestes natürlich kein Evangelium sondern lediglich ein Anhaltspunkt, der jedoch weitgehend beachtet wurde.

Die Schnepfenjagd in Vettweiß gehört der Vergangenheit an. Da es keine Feuchtgebiete in der Gemarkung Vettweiß mehr gibt, wurde diesem stolzen Vogel das lebensnotwendige Habitat genommen. Die Schnepfen haben sich zwangsläufig eine neue Heimat gesucht. Für den alten Waidmann bleibt nur noch eine schöne Erinnerung.

Düren, den 22.09.2014

Dr. Hermann-Josef Courth

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