Heimweh nach der Vergangenheit

Artikel bewerten
(38 Stimmen)

Heimweh nach der Vergangenheit

Kürzlich erhielt der stellvertretende Vorsitzende des HGV, Günter Esser, einen sehr anschaulichen Reisebericht. In ihm schildert Frau Netragis die letzte Reise, die sie mit ihrem vor Kurzem verstorbenen Großvater ins Rheinland, insbesondere nach Vettweiß unternahm. Ihr Großvater wurde in Vettweiß geboren, verlebte dort seine Jugendzeit und mußte später aus beruflichen Gründen sein geliebtes Heimatdorf verlassen.

Frau Netragis schreibt

Für mich stand mal wieder ein Besuch bei meinem Großvater an. Es ist nicht gerade eine überwältigende Anzahl von Besuchen, da unsere Wohnorte eine stattliche Entfernung trennt.

Zwei bis drei Besuche kommen aber jährlich zusammen. Dafür reise ich meistens mit der Bahn an, der Bequemlichkeit halber.

Auffallend bei den Besuchen der letzten drei Jahre war, dass Großvater immer öfter über seinen Heimatort Vettweiß sprach, was in früheren Jahren nie der Fall gewesen war. Dazu mag wohl auch der plötzliche Tod meiner Großmutter beigetragen haben.

Langsam wurde mir klar, dass er das Bedürfnis auf einen Besuch in Vettweiß hatte. Ich wollte ihm diesen Wunsch erfüllen und sagte zu, ihn bei meinem nächsten Urlaub mit dem Auto nach Vettweiß zu fahren.

Ich war der Überzeugung, bei meinem Angebot in gefeuchtete Augen zu schauen. Sein Gesicht verriet die Stimmung seines Herzens und seine folgende Geschichte trug nicht weniger dazu bei.

In Vettweiß geboren, den Kindergarten, die Schule besucht. Erfolgreich die Lehre als Schlosser und als Schweißer abgeschlossen. Nach wenigen Jahren firmenseits auf Montage, in Deutschland, halb Europa und in Teilen von Afrika. Dies bedeutete Abschied von der Familie, den Freunden und Freundinnen, denn die kurzzeitigen „Heimaturlaube“ brachten immer nur eine geringe Eingewöhnungszeit zu Hause mit sich. Denn bald darauf wurde auch schon der nächste ferne Einsatz durch seine Firma aufgerufen.

Dann habe sich irgendwann die „Liebe“, fernab von Vettweiß, gemeldet, und wo die Liebe hinfällt, da schlägt sie mitunter Wurzeln, so seine Erklärung. Er habe gehandelt und nach reichlicher Überlegung und Prüfung seine Erna, meine Großmutter, geheiratet. Es sei ein rauschendes Fest mit der ganzen Familie und vielen seiner Vettweißer Freunde gewesen.

Nach dem Tod seiner Eltern, zuerst verstarb sein Vater, wenige Jahre später seine Mutter, habe er jährlich noch deren Grabstelle aufgesucht, die liebevoll von der Familie seiner Schwester gepflegt wurde. Schon zu diesem Zeitpunkt meinte er aber erkannt zu haben, dass sich, durch die weite Entfernung seines jetzigen Wohnsitzes zum Heimatort, eine gewisse Distanz zu seinen ehemaligen Freunden aufgebaut habe, die von Mal zu Mal erkennbar größer wurde.

Er sah dies nicht als Vorwurf an, sondern den Gegebenheiten angepasst, der „Verlagerung“ seines Standortes, wie er es nannte, eben geschuldet. Nach dem allzu frühen Tod seiner Schwester, flachte der Kontakt zu Vettweiß mit der Zeit mehr und mehr ab. Schließlich wurde er nur noch in schriftlicher und fernmündlicher Art gehalten, der aber bei besonderen Anlässen stets gepflegt wurde.

Letztlich entschloss sich die Familie seiner Schwester noch zu einem Ortswechsel; sie zog aus Vettweiß fort.

Nach seiner Kurzgeschichte strahlte Großvaters Gesicht irgendwie eine gewisse Würde aus. Seine sonst so sanften Augen funkelten nicht mehr gerade so schelmisch wie in früheren Zeiten, aber sein zärtliches Lächeln deutete wohl an, dass er seine Geschichte endlich der Enkelin erzählen konnte, die sich mit ihm auf den Weg nach Vettweiß machen wollte.

Ich glaube durch diese Geschichte, zugetragen vor Jahrzehnten, bei ihm einen ausgemachten Anteil von Heimweh erkannt zu haben.

Sie machte nun auch mich irgendwie neugierig auf Vettweiß, den Heimatort meines Großvaters.

Besuch der „Domstadt“ Köln
Es kam, wie es kommen mußte. Meine Eltern hatten „Wind“ von der Sache bekommen. Das Interesse meiner Mutter war so sehr geweckt, dass ihre Teilnahme an der Reise einzuplanen war. Sie zeigte ein plötzlich nie dagewesenes Interesse am Geburtsort ihres Vaters. Zu unserem „Glück“ war mein Vater beruflich verhindert. Um ganz ehrlich zu sein, ihn hätte ich auch als „Störfaktor“ empfunden.

Der Tag war gekommen, wir starteten ins „Abenteuer“.

Der ursprüngliche Reiseplan erfuhr somit erstmals eine Änderung. Der Plan wurde ausgedehnt auf drei Tage. Jeweiliger Tagesausgangspunkt sollte Köln sein.

Weshalb gerade Köln? Großvaters einleuchtende Erklärung war nicht zu übergehen. Ein Besuch im Dom gehöre wie selbstverständlich zu einem Kölnbesuch. Dies erinnere ihn auch an einige Male, wenn es mit den Eltern in den Sommerferien für einen Tag auf Köln Besuch ging.

Der Dombesuch war einfach Pflicht, wie die sich anschließende Schifffahrt auf dem Rhein. Seine Erzählung vom „Möllemer Böötche“, mit dem ich weiß Gott nichts anzufangen wusste und das einer Erklärung bedurfte, überzog sein Gesicht mit einem breiten Lächeln.

Würden Eltern heute ihren Kindern den Vorschlag machen, die anstehenden Sommerferien in Form eines Ganztagesausflugs nach Köln zu gestalten, Hochrufe und Freudentänze dürften wohl nicht zu erwarten sein. Da muß schon Strand, beste Unterkunft mit übergroßem Unterhaltungsprogramm im Angebot sein, doch keine langweilige Schifffahrt auf dem Rhein, so seine vergleichende Einschätzung.

Seine beschwingten Erzählungen stimmten mich ein wenig nachdenklich. Haben frühere Generationen ihre Kindheit intensiver, freudiger und glücklicher ausgelebt als die heutige Generation mit übersteigertem und vielfach hausgemachtem Leistungsdruck und mit zehrendem Ehrgeiz?

Die Antwort auf diese Frage übernahm Großvater. Alle ihm bekannten Personen seiner „Altersklasse“, dies wäre nicht gerade eine geringe Anzahl gewesen, seien ausnahmslos erfolgreich in ihrem jeweilig erlernten Beruf gewesen, ohne als Kind einen übervollen Terminkalender, mit Klavier- oder Nachhilfeunterricht und mit Turbo-Abitur überfüllt, gehabt zu haben.

Der ausgefüllte Besuchstag von Köln war schon ein Erlebnis da selbst.

Auf den Spuren der Vergangenheit
Tag zwei führte uns nach Vettweiß, dem eigentlichen Anlass unserer Reise. Großvaters Wunsch auf eine vorherige kleine Rundfahrt durch die nördliche Eifel fand allgemeine Zustimmung.

Anerkennung, der für meine Mutter und mich bisherigen „unbekannten Landschaft“, war gegeben. Vor allem das Städtchen Monschau, die Stauseen hatten es uns angetan. Überhaupt die Gepflegtheit der Landschaft mit beherrschendem Nationalpark und der idyllisch gelegenen Abtei Mariawald. Anerkennung pur.

Er selbst schien in der früheren Heimat angekommen zu sein. Wir merkten es an seinem plötzlichen Sprachgebrauch. „Rheinischer Dialekt“ blitzte zuweilen auf, was eine „Übersetzung“ für Mutter und mich stets zur Folge hatte.

Am frühen Nachmittag steuerten wir dem eigentlichen Ziel unserer Reise entgegen.

Von Ferne machte er den Vettweißer Kirchturm aus und bat um einen Stopp. Er stieg aus dem Wagen, den Blick auf seinen Heimatort gerichtet mit dem alles überragenden Kirchturm.

Nach einer Weile stieg er wieder zu: „Tut das gut, der Anblick, als sei ich niemals weg gewesen. Kind, ich danke Dir für Deine Bereitschaft“.  „Danke für Dein Lob, Opa“.

In Vettweiß angekommen, bat er um Halt auf dem Marktplatz.

Ein Spaziergang zum Friedhof stand als erstes auf seinem Plan. Er gab nun den „Reiseführer“ ab. Seine Erklärungen waren präzise, mit überwiegendem „Vettweißer Platt“garniert. Abermals schien es, als hätte er nichts von all dem verlernt. Ich machte mir kurze Notizen seiner Heimatsprache, mehr schlecht als recht, um sie vielleicht einmal verwenden zu können.

Der Marktplatz sei zu seiner Zeit größer gewesen, keine Parkplätze. Es sei auch der Platz gewesen, wo eine große Baracke der Amerikaner gestanden habe, die als „Notkirche“ nach 1945 diente, da die Kirche von den Amerikanern abgerissen wurde, und als Material für einen Feldflughafen ganz in der Nähe, im Dreieck der Ortschaften von Kelz - Gladbach – Vettweiß, herhalten mußte.

Den sprudelnden Brunnenstein mit der Blumenanlage habe es damals auch noch nicht gegeben.

Das kleine, ansehnliche Fachwerkhaus in Marktplatznähe weckte meine Neugierde. „Datt es Essings Huus“, erklärte er mit einer Selbstverständlichkeit, die mich in leichtes Staunen versetzte.

Dann, außerhalb des Platzes zur „alten Schule“ hier sei immer Fußball gebolzt worden. Tore wären an „Fruns Muur“ und in „Brennesch Fahrt“ gewesen. Die Spieler hätten sich stets Namen wie Fritz oder Otmar Walter, Rahn, Morlock oder Schäfer usw. gegeben, alles Fußballidole der damaligen Zeit. Ab und an sei auch schon mal ein Ball gegen das Fenster, des in der „alten Schule“ befindlichen Herrenfrisörsalons von Fritz Lauscher geflogen. Ärger sei immer vorprogrammiert gewesen.

An der Kirche, deren Geschichte er nochmals kurz beschrieb, die aber leider verschlossen war, vorbei zum Friedhof. In Erstaunen versetzte ihn, dass der „Griesbach“ keinen Tropfen Wasser führte, zu seiner Zeit undenkbar.

Meiner Frage nach seinem guten Erinnerungsvermögen folgte seine knappe Antwort: „Im Menschen ist nicht allein das Gedächtnis, sondern auch die Erinnerung“. Führwahr ein bemerkenswerter Satz.

Auf dem Friedhof angekommen, steuerte Großvater zielstrebig das Grab seiner Schwester an, um eine Zeit in Ehrfurcht zu verweilen. Das Grab der Eltern war abgetragen, die Ruhefrist abgelaufen.

Bedächtig passierten wir die Grabreihen, oft mit einer kurzen Verweildauer versehen, da Namen von Verstorbenen von ihm einzuordnen waren.

Das am Friedhofseingang befindliche Ehrenmal mit den Gedenktafeln hatte nun seine ganze Aufmerksamkeit geweckt.

Andächtig ging er die Reihen der aufgeführten Opfer durch. Seine Augen glitten so langsam über die Zeilen, dass man mitverfolgen konnte, an welcher Stelle er sich befand. Persönlich habe er zwar keinen gekannt, so seine Erkenntnis, aber so manche Familiennamen erweckten bei ihm Erinnerungen, die er uns kurz und knapp erläuterte.

Still und mit einer tiefen Verbeugung „verabschiedete“ er sich mit leisen Worten und feuchten Augen: „Sollten wir nicht jeden Tag wie ein neues Leben beginnen“?

Ohne ein Wort und mit einer gewissen inneren Einkehr verließen wir den Friedhof.

Befragt nach seinem Spruch auf dem Friedhof, erklärte er, dass dies ein Ausspruch der Kölner Nonne Edith Stein sei. Edith Stein, eine zum Katholizismus konvertierte Jüdin und dem Orden der Karmelitinnen angehörend, die von den Nationalsozialisten im Jahre 1942 im KZ ermordet wurde, mit einem mehr als wahren und treffendem Sachverhalt.

Großvater gab nun, als sei er niemals weg gewesen, den Weg vor, der uns zur Schule führte. Doch ein Schild an der Fassade deutete an, dass es sich nunmehr um ein Seminar für angehende Lehrer handele.

Er erzählte von seiner Schulzeit in diesem Gebäude und gab so manche Anekdote zum Besten. Die damalige Anordnung der jeweiligen Klassen sowie die Namen der Lehrpersonen zu erklären, für ihn scheinbar kein Problem. Erneut schien es, als habe ihn die Heimat wieder.

Doch die Heimat von damals hatte sich verändert. Immer wieder mußte er erkennen, dass Neubauten wie Kindergarten, Pfarrheim oder die naheliegende Arztpraxis den Platz alter, ihm noch geläufiger Bauten, abgelöst hatten. Eine Veränderung, die er wohlwollend zur Kenntnis nahm.

Zurück auf dem Marktplatz übernahm Mutter nun das Steuer. Ich mußte mir, bei immer mehr und plattdeutschen Erklärungen meines Großvaters, Kurznotizen machen, um für einen angedachten Bericht, der mir alsbald vorschwebte, gewappnet zu sein.

Er dirigierte nun zu seinem Elternhaus. Trotz ungünstiger Verkehrssituation bat er kurz an „Webers Eck“ anzuhalten.

Dies sei zu seiner Jugendzeit der beliebteste Treffpunkt der männlichen Jugend von Vettweiß gewesen.

Hier seien Streiche ausgedacht worden, hier sei immer der Ausgangspunkt für deren Ausführung gewesen. Jeden Abend sei Treffpunkt gewesen, aber immer ohne Dreck oder Verwüstung zu hinterlassen. Oftmals auch die Polizei „im Nacken“, die in Vettweiß einen Polizeiposten unterhielt, die aber untermotorisiert immer auf der Verliererseite gestanden habe. Eine „herrliche Zeit“ wie er fand.

Für mich persönlich ist es schwer vorstellbar, wie unsere Eltern oder Großeltern eigentlich ihre Jugend verbracht haben mögen. Es gab keine Smartphones, keine Computer oder all die Selbstverständlichkeiten der heutigen digitalen Zeit.

Die Kinder waren nicht selten in den häuslichen Arbeitsablauf eingebunden, hatten viele Aufgaben zu übernehmen, Gartenarbeit war Gesetz.

Und trotzdem. Sie durften und konnten noch Kind sein. Spielen in der Natur, gemeinsame Treffen an markanten Punkten, bolzen auf dem Fußballplatz, um mit blutigen Knien und zerrissenen Klamotten, oftmals völlig verdreckt, weil sie mal wieder „em Mutt“ gespielt hatten, den Heimweg antreten zu müssen.

„Em Mutt“ bedurfte für mich der Klärung. Seine Erklärung kurz und knapp: „Em Mutt, heißt nichts anderes, als im Schlamm zu spielen“.

Wenn ich Großvaters Erzählungen so zuhöre, stellt sich mir die Frage: Haben die früher eine ausgefülltere Kindheit ohne Luxus und übersteigertem Leistungsdruck gehabt als die heutige Generation?

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass frühere Generationen auch ihre Probleme und Ängste hatten. Auch damals galt, wie überhaupt für alle Epochen und für viele Menschen, dass Anstrengungen im Leben als Schlüssel zum Erfolg zu werten sind. Ich glaube aber auch, dass man früher seine Kind- und Jugendzeit intensiver ausleben konnte und durfte, denn eines ist gewiß: „Die Kindheit ist eine der schönsten Lebensabschnitte und geht bekanntlich viel zu schnell vorbei“.

Sein Elternhaus fand er in einem hervorragenden Zustand. Änderungen an der Fassade und am Hauseingang seinen vorgenommen worden. Der Familie seines Schwagers gebührte sein ausdrückliches Lob. Unnötig fand er einen Besuch bei den Mietern.

Auf dem weiteren Weg erwartete uns der Sportplatz, ein zweiter Kindergarten, die Schule. Und wieder war von ihm zu vernehmen: „Vettweiß, wie hast du dich doch in all der Zeit positiv verändert“.

Zum Sportplatz, heute vollkommen eingezäunt, fiel ihm folgende außergewöhnliche Geschichte ein: Jeweils an den Wochentagen von montags bis donnerstags durfte der ortsansässige Schäfer seine Herde beim Austrieb zu den jeweiligen Weideplätzen und abends bei der Heimkehr über den Sportplatz treiben. Die Schafe ersetzten den Rasenmäher. Die restlichen Tage waren aber tabu. Bei den Sonntagsspielen sollten die Spieler den „Hinterlassenschaften“ der Schafe so wenig wie möglich ausgesetzt sein.

Unsere bedächtige Fahrt, so schien es, sorgte manchmal für eine gewisse Aufmerksamkeit unter Passanten. Ob sie die Kennung unseres Nummernschildes für „bedenklich“ hielten? Wir ließen uns dadurch nicht beirren, fuhren durch Neubaugebiete mit anmutigen Häusern, quasi wie auf einer Ringstraße, die Vettweiß zu umgeben schien.

Großvater fiel auf, dass der Schornstein der Molkerei und der vom „Prüppes“, was immer sich hinter dieser Bezeichnung für mich verbergen mochte, fehlten. Nachgefragt, die Antwort: „Prüppes“ sei die Bezeichnung für eine Krautfabrik gewesen.

Hier sei aus Zuckerrüben Rübenkraut hergestellt worden. Unansehnlich, weil heruntergekommen, das angrenzende und verlassen stehende Wohnhaus der ehemaligen Besitzer und deren leitenden Angestellten.

Die Gemeindeverwaltung sei erweitert worden und in die gegenüberliegende Gaststätte Hülden wollte er Mutter und mich zu einem kühlen Glas Bier einladen. Hier im Saale seien die Tanzveranstaltungen zu Kirmes, am 1. Mai oder an Karneval abgehalten worden, stets sehr gut besucht, wie er sich zu erinnern vermochte.

Nach eventuellen Liebschaften befragt, gestand er, wobei ein leichtes Lächeln seinen Mund umspielte, ja, die habe es gegeben, doch durch seine allseits bekannte „Vita“ habe es sich ja anders entwickelt. „Favoritinnen“ hätten „schon“ zu Buche gestanden.

„Opa, Du ausgemachter „Charmeur“.
Aus dem Gaststättenbesuch wurde leider nichts: „Heute Ruhetag“ stand angeschlagen.

Dann eben nicht. Nun stand uns der Sinn nach Kaffee und einem Stück Kuchen. Bei der enormen Entwicklung von Vettweiß mußte dies doch wohl im „dörflichen Angebot“ sein.

Eine Dame half auf Nachfrage aus. Sie verwies uns an den „REWE Markt“ mit angeschlossener Bäckerei, am Ortsausgang Richtung Sportplatz. Wir fuhren, wie von ihr gewiesen, weiter auf dem „Vettweißer Ring“, durch neue Baugebiete, erreichten den „Markt“ und fanden noch einen freien Tisch im Außenbereich. Die wohlige Wärme tat gut, der Sommer war nach einer Pause zurückgekehrt, keine Wolke zeigte sich am azurblauen Himmel. Wir genossen die Stimmung und ließen es uns, bei ausreichendem Angebot, gutgehen.

Es dauerte nicht lange, da war auch schon Gedankenaustausch mit Gästen an den Nebentischen hergestellt, wobei wir Sinn und Zweck unserer Reise aber nicht preisgaben.

Was meine Mutter und mich am meisten beeindruckte, war die lockere, die einfach fröhliche Art wie sich die Leute begegneten, mit einem kurzen Hallo, oder der Frage nach dem Wohlbefinden. Alles so locker, nicht gekünzelt. In unseren heimatlichen Gegenden fast undenkbar.

Dies gehöre zur sogenannten „Rheinischen Fröhlichkeit“, eine sentimentale, eine Mentalität, für die die „Rheinländer“ fast in der gesamten Republik belächelt würden, auf die sie aber mit Recht stolz seien und die einen unkomplizierten Umgang unter- und miteinander prägen würde.

Großvaters Erklärungen, für uns einfach genial. Er genoss mit Wohlwollen seine „Rolle“. Es machte den Eindruck, als wäre in ihm der „rheinische Effekt“, nach all den Jahren der Abwesenheit, wieder geweckt worden.

Die Unterhaltung war mittlerweile auf drei Tische ausgedehnt worden. Alle beantworteten bereitwillig und ausführlich die von ihm gestellten Fragen. Nach der Versorgung, der Infrastruktur, der Kommunalarbeit, den Vereinen, den Schulen, der Integration der Neubürger ins Dorfgeschehen usw. und usw.

Er erhielt nur positive Antworten, die „Vettweißer“ bekundeten eine sichtliche Zufriedenheit.

Lediglich die Integration der „Neubürger“ ins Dorfgeschehen könnte ausgeprägter sein und lasse oft zu wünschen übrig. Aber ein nicht „geringer Teil“ der „Neubürger“  hätte sich in den verschiedenen Vereinen eingebracht und würden sich mit ihrer Arbeit und ihren Ideen so engagieren, als wären sie schon immer ortansässig gewesen. Die „Diskutanten“ waren sich einig, ohne ein funktionierendes Vereinswesen gehe in einem Dorf gar nichts. Am bestehenden Vereinsinteresse ließe sich denn auch der „Charakter“ des jeweiligen Dorfes ablesen.

Und in noch einem Punkt waren sie sich einig, dass eine zunehmende Vergrößerung eines Dorfes, mögen viele Leute auch noch so stolz darauf sein, nicht immer von Vorteil sei.

Die Zeit war wie im Fluge vergangen. Langsam machten sich alle aus der Gesprächsrunde für den Aufbruch bereit.

Dann kam, worauf ich schon lange gewartet hatte, die Frage an Großvater, weshalb er so ausgiebig frage und woher sein unverhohlenes Interesse an Vettweiß herrühre?

Ich war auf seine Antwort sehr gespannt. Er traute sich nicht zur Wahrheit, er flunkerte, er verstieg sich zu einer „Notlüge“. Er habe vor mehr als vier Jahrzehnten in der Gemeinde Vettweiß für die damalige Bundespost mit Kollegen Leitungen für das Telefonwesen verlegt und gewartet. Dabei sei ihm der Ort Vettweiß schon damals „ans Herz“ gewachsen.

Meine Mutter und ich, wir schauten uns ungläubig an, und dachten wohl in diesem Moment das Gleiche: „Opa, weshalb denn das, weshalb so feige, sag doch einfach die Wahrheit“.

Nach der nun folgenden, allgemeinen Verabschiedung ging die Fahrt zurück nach Köln. Aber nicht wie das Navi anzeigte, sondern durch den Ort. Ein letztes Mal querdurch, der Erklärung Großvaters folgend. Das Oberdorf und dann die „Grenze“ erklärend durch das Unterdorf, mit Hinweis auf die damals wenigen und kaum bebauten Nebenstraßen.

Die Bitte auf eine Kurzfahrt durch den angrenzenden „Kotten“ Kettenheim konnte nicht ausgeschlagen werden.

Abschließend am ausgedehnten Gewerbegebiet vorbei Richtung Köln., vorher noch eine kurze Erklärung zu der abseits im Feld gelegenen Kapelle. Ich notierte: „Et Kapellsche“.

Die Fahrt verlief anfangs fast völlig wortlos. Jeder hing wohl seinen Gedanken nach, bis Großvater zu einem nochmaligen Dank ansetzte, den er mit dem Spruch abrundete:

„Die schönste Freude erlebt man da, wo man sie am wenigsten erwartet. Ich konnte nicht vorausahnen, auf welche wunderbare Weise weit entfernte Gedanken heute bei mir wieder geweckt wurden, und es ist schön, wenn es Menschen gibt, an die man mit Vertrauen zu allen Zeiten denken darf“.

Zurück in Köln, war der Abend zu schön, um sich aufs Hotelzimmer zurückzuziehen. Stattdessen genossen und beobachteten wir das pulsierende Leben in der „Altstadt“, bei einem, zugegeben, für mich etwas gewöhnungsbedürftigen „Kölsch“.

Nochmals ein kurzes Resümee unseres Besuches in Großvaters Heimatort Vettweiß. Es fiel wunderbar positiv aus, wie er es sich eigentlich nicht vorgestellt habe.

Doch ein Gedanke ließ ihn nicht los. Er vermisste spielende Kinder auf den Straßen des Dorfes. Einen Vergleich zu seiner Zeit wollte er dabei nicht ziehen, das lehnte er ab. Er stellte die Frage, ob Kinder heutzutage überhaupt noch Kinder sein können, oder erleben sie in ihrer Kind- und Jugendzeit so viel Stress durch einen durchorganisierten Tagesablauf, der durchaus dem eines Erwachsenen gleicht, dass sie schon im jugendlichen Alter einer unheimlichen Belastung ausgesetzt sind Oder sitzen sie zu Hause in völlig überhitzten Räumen, in denen sich der „digitale Müll“ bis zur Decke anhäuft. Kommen dann die Ferien hinzu, sehen sie womöglich tagelang das Sonnenlicht nicht mehr, dafür aber ausreichend „garniert“ mit Chipstüte und Getränkedose. Alles dem „digitalen Götzen“ geschuldet. Dies wäre an Traurigkeit dann nicht zu überbieten. Es bestehe durchaus auch die Gefahr einer „digitalen Demenz“.

Eine spielerische, eine betont freizügige aber Grenzen aufzeigende Erziehung in der Kindheit sei Voraussetzung für weitere erfolgreiche Lebensabschnitte, sinnierte Großvater.

Zur Ehrenrettung der Kinder muß ich allerdings festhalten, dass er nicht der „allergrößte Fan“, des für ihn überbordeten digitalen Angebotes bezeichnet werden kann, dessen Notwendigkeit er aber keineneswegs in Frage stellt. Seine Einstellung mag dem Alter geschuldet sein, wer weiß das schon.

Die von ihm gestellte Frage habe ich dann mit einer Gegenfrage versucht zu beantworten. Ob er sich vielleicht mit dem Gedanken anfreunden könne, in Vettweiß in der Einrichtung „Betreutes Wohnen“ eine kleine Wohnung anzumieten?

Er hatte gleich eine Antwort parat: Einen alten Baum solle man nicht verpflanzen, und übrigens sei es die ständige Begegnung mit ihm vertrauten Menschen, die das Leben, auch noch in seinem Alter, lebenswert mache. Dies sei sein unerschütterlicher Glaube. „Der Glaube sei wie ein Vogel, der singt, auch wenn die Nacht noch dunkel sei“.

Schlussspurt
Am nächsten Morgen war Rückreise angesagt, mit einem geplanten Abstecher an die Ahr. Besuch des malerischen Städtchen Ahrweiler. Weiter nach Dernau, laut Großvater, bekannt für seine hervorragenden Rotweine. Wir kauften ein.

Dann durch Mayschoß. Es „sprudelte“ nur so aus Großvater heraus, Geschichten von Vereinsausflügen mit Tanz und Weingenuß in sagenhafter Weinkelleratmosphäre.

Nächster Halt Altenahr. Ebenso ortskundig, erkannte er hier auf Anhieb den Weinkeller mit angrenzendem großem Tanzsaal wieder.

Dieser hätte oft die Wirkung eines Magneten gehabt. Sonntags „mal schnell“ nach Altenahr. Im stets übervollen Saal sei nicht nur im Dreivierteltakt getanzt worden, Favoritenstellung habe fast immer der „Klammerblues“, auch „GI Stil“ (GI für amerikanische Soldaten) genannt, eingenommen. Mutter und ich, wir konnten uns ein schallendes Lachen nicht verkneifen, als Opa wieder tief in seine Vergangenheit eintauchte.

Nach einer kleinen Stärkung, begann der eigentliche Teil unserer Rückreise. Mehrere Stunden Fahrt lagen vor uns.

Zufriedenheit machte sich breit über das Erlebte der vergangenen Tage, was sich in unserer guten Laune widerspiegelte.

Nachsatz
Fast ein Jahr später entdeckte ich die von mir schriftlich festgehaltenen Gedanken zu unserer Reise. Diese umfangreiche Gedankenstütze war einfach in Vergessenheit geraten, nicht aber unsere Reise. Ich habe mich daher entschlossen, an Hand der Aufzeichnungen, die Reise nochmals „aufleben“ zu lassen, unter der Überschrift:

                                    „Heimweh nach der Vergangenheit“

Sehr zur Freunde von Großvater, der als „literarischer Beistand“ fungierte.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass wir unserem Opa zum „aufkommenden Herbst seines Lebens“ persönlich eine riesige Freude gemacht haben. Gerne entsprechen wir schließlich auch seinem Wunsch, dass sein Name in dem gesamten Bericht nicht genannt werden sollte.

Gelesen 867 mal
Kommentare

Overall Rating (0)

0 out of 5 stars

Einen Kommentar verfassen

Als Gast kommentieren

0 Zeichen Beschränkung
Dein Text sollte mehr als 10 Zeichen lang sein
Your comments are subjected to administrator's moderation.
Nutzungsbedingungen.
  • Keine Kommentare gefunden