Ria Wood und Ihre Geschichte zur Molkerei Vettweiß

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Ehemalige Molkerei in der Gereonstraße 12, Vettweiß, 2013 Ehemalige Molkerei in der Gereonstraße 12, Vettweiß, 2013 Foto: Achim Klippstein

Erinnerungen der Zeitzeugin Ria Wood

Auf einen Bericht in der Dürener Zeitung hin, über den neu gegründeten Geschichtsverein Vettweiß, habe ich über meine Tochter Kontakt aufgenommen und in einem Gespräch am 6. Mai 2013 mit Herrn Esser meine Erinnerungen an meine "Vettweißer Zeit" zum Ausdruck gebracht.

Wie angeführt, mein Name ist Ria Wood und ich lebte mit meiner Familie acht Jahre in Vettweiß. Heute bin ich 92 Jahre alt, lebe in Düren im Seniorenheim und erfreue mich bester Gesundheit.

Im Jahre 1944, ich glaube, es war so Mitte des Jahres, wurde der damalige Molkereidirektor und Ortsgruppenleiter der NSDAP Dohmen wegen aufgedeckter Unregelmäßigkeiten seines Postens als Molkereileiter enthoben. Daraufhin wurde meinem Schwiegervater Eduard Wood die Leitung der Molkerei in Vettweiß übertragen. Die Familie Wood war englischer Abstammung hatte aber durch die Neutralitätsregelung schon 1930 auch die deutsche Staatsangehörigkeit erlangt.

Ende 1944, nach dem Bombenangriff auf Vettweiß, zog ich zu meinen Schwiegereltern in die Molkerei nach Vettweiß. Mein Mann, Eduard Wood jun., war Angehöriger der Marine und auf einem Stützpunkt an der Ostsee stationiert,

In die Produktion der Molkerei war ich nur aushilfsweise in der Meierei bei der Verpackung von Butter und Schichtkäse eingesetzt. Doch die Lage wurde durch die unaufhaltsam vorrückenden amerikanischen Streitkräfte aus Richtung Hürtgenwald immer angespannter und nervöser. Äußerungen zu der aussichtslosen Lage, viele Vettweißer Bürger hatten ja schon die Evakuierung vorgezogen, waren gefährlich, und auch nur "in den eigenen vier Wänden" straffrei möglich. So musste Ende Januar 1945 die Produktion zurückgefahren und Anfang Februar gänzlich eingestellt werden.

Auch meine Schwiegereltern und ich machten uns auf in die Evakuierung die uns nach Oeventrop verschlug, wo uns eine Unterkunft zugewiesen wurde.

Als die Amerikaner auf ihrem Vormarsch auch das Sauerland "befreit" hatten, hielt es meinen Schwiegervater nicht mehr, der Drang nach Vettweiß war enorm. Nach standardisierter Entlausung auf der rechten Rheinseite und Rheinüberquerung erreichten wir Vettweiß. Nach meiner Erinnerung Ende April, Anfang Mai. Was erwartete uns? Gestank, Dreck, Kadaver in großer Zahl von Nagetieren.

Es kam die Zeit des Großreinemachens, zu der sich auch immer mehr ehemalige Mitarbeiter einfanden. Es dauerte eine geraume Zeit bis wieder an eine Produktion zu denken war doch auch die ging vorüber und langsam konnte die Lieferung von Milch wieder entgegengenommen werden.

Doch oft "hackte" es bei der Produktion. Nämlich dann, wenn Maschinenteile defekt waren und an Ersatz nicht zu denken war. Dann musste improvisiert werden oder der "Königsweg" musste beschritten werden. Gute Kontakte zu amerikanischen Offizieren, obwohl das Rheinland mittlerweile britische Besatzungszone war, wusste mein Schwiegervater zu nutzen. Oft war er mit einem der Offiziere für Stunden, aber auch schon mal für Tage weg, um mit den nötigen Ersatzteilen heimzukehren. Wo diese Ersatzteile auf getrieben wurden, das blieb stets sein Geheimnis.

Eines kann ich hier deutlich sagen, Eduard Wood sen. hatte den "Laden" auch dank des Einsatzes seiner unermüdlichen Arbeiter "fest im Griff". Hier ist mir der Name Egidius Herrmanns noch sehr in Erinnerung.

Und dann passierte folgendes: Mein Schwiegervater fand bei Aufräumungsarbeiten auf dem Speicher der Molkerei einen großen siebenarmigen Leuchter und Thorarollen.
Diese Fundsachen waren der geschändeten Synagoge von Vettweiß zuzuordnen. Molkereidirektor Dohmen, dem ein Mitwirken an der Zerstörung der Synagoge nachgesagt und der von Zeugen bezichtigt wurde, Gegenstände nach der Zerstörung beiseite geschafft zu haben, wird diese auf dem Speicher der Molkerei, vor Entdeckung gesichert, versteckt haben. Die Fundsachen wurden dem Juden Willi Schwarz, der das Nazi-Regime überlebt hatte und in Vettweiß bereits wieder einen Viehhandel betrieb, übergeben.

Mein Mann, Eduard Wood jun., war mittlerweile in französische Gefangenschaft überstellt. Es mutet etwas skurril an, aber auf seiner Fahrt in die Gefangenschaft passierte der Zug auch den Bahnhof Vettweiß, vermutend für meinen Mann, dass ich wohl in der "Obhut" seiner Eltern sei. So nah an daheim, und doch nicht daheim. Im Jahre 1947 wurde mein Mann aus der Gefangenschaft entlassen. Endlich zu Hause.

Unser neues zu Hause wurde die Pastorat in Vettweiß, die wir nun Seite an Seite mit Pfarrer Rütten und seiner Schwester Frau Schröder bewohnten. Wer aber nun dachte, mein Mann würde in die Fußstapfen seines Vaters treten, der sah sich getäuscht. Das war nicht sein "Ding". Ihm sagte lieber, nach einer kurzen Zeit des Abstands von Krieg und Gefangenschaft, eine Anstellung beim Statistischen Landesamt und nachfolgend beim Arbeitsamt zu.

Nach nunmehr acht Jahren Vettweiß verzog die Familie nach Wollersheim und von dort weiter nach Düren.

Mein Schwiegervater übergab die Leitung der Molkerei so Anfang der 50ger Jahre an seinen Nachfolger Herrn Lächelt, der die Molkerei in Eduards Woods Sinn weiterführte, diese ausbaute und anerkannte, hochwertige Produkte liefern konnte.

Anmerkung des HGV Vettweiß

Im Jahre 1960 wurde die Produktion in der Molkerei Vettweiß eingestellt und nach Düren verlagert. Danach Auslieferungslager von "Godesberger Brau- und Brunnen" unter Leitung von Rudolf Schwesig. Darauf folgte der Wasserleitungszweckverband Vettweiß mit Depot und Büroräumen.

Heute ist der Inhaber die Firma Rompe - Reitbekleidung. Der Kamin der Molkerei wurde im Jahre 2002 abgetragen.
Weitere Bilder zur Molkerei finden Sie unter dem TAB: Galerie
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Autor
Günter Esser

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